Ein sicheres Heim für Fische

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  • Blick auf die Bucht von Talamone im Hintergrund

Ein sicheres Heim für Fische

Heute hatte ich das einzigartige Glück an einem noch viel einzigartigeren Event teilzunehmen, der bestimmt in die Geschichte eingehen wird: la casa dei pesci auf Deutsch das Fischhaus.
Initiator dieses riesigen Projekts, einzigartig weltweit ist ein kleiner Fischer aus dem schönen Küstendorf Talamone: Paolo Fanciulli.

Paolo wird in den 60er Jahren als Sohn eines armen Fischers geboren. Sein Vater nimmt Paolo oft mit zum Fischen und Paolo bevorzugt die harte Arbeit bei Wind und Wetter auf dem Boot in der Natur, anstatt die Schulbank zu drücken. So manch anderer hätte gelernt diese Arbeit zu hassen, so aber nicht Paolo, der sich den Rhythmen der Natur anpasst und gerne mit dieser im Einklang lebt. Für ihn gab es nur ein Ziel, das Meer und die Fischerei und das zu einer Zeit, als die Menschen in die Stadt zogen, um dort in Fabriken zu arbeiten. Zu seinem Glück konnte er noch als Kind die enorme Vielfalt der lokalen Flora und Fauna im Meer kennen lernen. Obwohl Paolos Vater aus Not und um die Familie zu ernähren, teilweise zur Wilderei auf den Länderreien der reichen Großgrundbesitzer gezwungen war, wurde ihm ein großer Respekt gegenüber der Natur und dem Leben gelehrt. Paolo konnte somit noch eine andere Welt kennen lernen nicht verschmutzt und ausgenutzt. Als Paolo bereits seine berufliche Laufbahn als Fischer mit einem eigenen Schiff eingeschlagen hatte, bemerkte er von Jahr zu Jahr, dass die Fische und somit auch sein Fang immer weniger wurden. Grund dafür war die enorme Ausbeutung der Meer von gnadenlosen Fischern durch die Nutzung der Schleppnetze.

Frachtkahn mit den Marmorstatuen vor dem Leuchtturm in Talamone Maremma Toskana

Frachtkahn mit den Marmorstatuen vor dem Leuchtturm in Talamone Maremma Toskana

Bei den Schleppnetzen handelt es sich um relativ eng miteinander verknüpfte Netze, an denen darüber hinaus noch Ketten angebracht sind, die dann über den Meeresboden gezogen werden um alles lebendige, sei es Pflanzen oder winzige Fische zu zerstören und im Netz zu behalten. Auf diese Art und Weise wird der Lebensraum sowie die Nahrung der Fische zerstört und somit auch deren Fortbestand. Normale, zugelassene Fischernetze sind in einer gewissen Tiefe, ohne den Boden zu berühren und sind desweiteren so miteinander verknüpft, dass kleine Fische nicht im Netz landen können.

Alessandro Giannì,  Greenpeace Italien

Paolos Freund und Förderer Alessandro Giannì von Greenpeace Italien

Bereits seit Jahren ist die Schleppnetzfischerei in Italien verboten, aber es wird vonseiten der Behörden sehr wenig dagegen getan. Es ist kein Vergehen ein Schleppnetz zu besitzen und auch auf dem Boot mit sich zu führen und Schleppnetzfischer dürfen nur auf frischer Tat erwischt werden, um angeklagt zu werden. Somit fahren diese bei Nacht ungestört mit ihren Schleppnetzen auf See, nähern sich extrem nah der Küste, um auch dort jeden Winkel „abzugrasen“ und zu zerstören. Paolo sagt, solange es Leben im Meer gibt, können wir existieren. Im Laufe der Jahre hat Paolo dies mehrfach angeklagt, ohne allerdings auf den erwünschten Erfolg zu stoßen. Viele Nächte hat Paolo mit seiner Jagd gegen die Schleppnetzfischer verbracht; teilweise alleine, teilweise mithilfe von Greenpeace oder Fernsehsendern. Als die Schäden irgendwann derart groß waren und vonseiten der Behörden keinerlei Hilfe zu kommen schien (ich frage mich, ob es derart kompliziert ist eben diesen speziellen Netzbesitzern bei Nacht zu folgen und sie auf frischer Tat zu erwischen?), greift Paolo selbst durch. Er blockiert den Hafen von Porto S. Stefano, von dem einige der Schleppnetzfischer für ihre nächtliche Ausbeute starten. Zwar gerät Paolo aufgrunddessen mit dem Gesetz in Konflikt, aber er hat mit seiner Tat ein riesiges Aufsehen erregt.

Greenpeace mit seinen Tauchern, bereit zum Abtauchen, um die Skulpturen zu filmen und zu kontrollieren

Greenpeace mit seinen Tauchern, bereit zum Abtauchen, um die Skulpturen zu filmen und zu kontrollieren

Dieses Aufsehen bringt es auch mit sich, dass ein Fernsehteam der wichtigen italienischen Sendung Report (Rai3) darauf aufmerksam gemacht wird und ein Special über Paolo dreht. Dies macht Paolo zwar landesweit berühmt, allerdings weigert sich der lokale Fischmarkt von nun an jeglichen Fisch von Paolo zu kaufen, was eigentlich zu seinem Ruin hätte führen müssen. Als ob das nicht schon genug wäre, erhält er zahlreiche Drohungen. Dank unterschiedlichster Gruppen von nachhaltigem Einkauf, den so genannten „Gruppo di Acquisto Solidale“ beginnt Paolo nun seinen Fisch über diese zu verkaufen. In der Zwischenzeit werden auch internationale Fernsehsender auf Paolo aufmerksam und dank macht er seine Erfindung, den Pescaturismo, dem Fischtourismus auch über Talamones, gar Italiens Grenzen hinaus bekannt. Nicht nur sein Überleben im wahrsten Sinne des Wortes galt es zu sichern sondern Paolo überlegte sich auch, was er tun könnte, um den Schleppnetzfischern das Handwerk zu legen. Seine Idee waren Zementblöcke mit speziellen Befestigungen, welche die Schleppnetze zerstörten und ebenfalls eine Art Schutzraum für die kleinen Lebenswesen bieten sollten, die normalerweise in den Pflanzen, auf dem Meeresgrund lebten, der ja nun einmal weitgehendst beschädigt war, damit sich dieser auch wieder erholen konnte. Daraufhin arbeitete Paolo in den letzten Jahren als Fischer, wobei er sich nicht nur in Italien sondern in allen Ländern der Welt zahlreiche Anhänger und Finanziatoren für sein Projekt erarbeitete.

Die Skulptur "Acqua" (it. Wasser) von Giorgio Butini

Die Skulptur „Acqua“ (it. Wasser) von Giorgio Butini

Das Jahr 2012 war für Paolo ein relativ wichtiges Jahr, denn es entstand seine Onlus-Stiftung „La Casa dei Pesci“ und er erhielt als Unterstützer seines Projekts Franco Barattini, den Besitzer des Marmorsteinbruchs, aus dem der weiße Marmor stammt, den Michelangelo für seine Kunstwerke nutzte. Franco Barattini schenkte Paolo riesige Marmor-Blöcke, die als natürliches Material anstatt der Zementblöcke ins Meer gelassen werden sollten. Schon bald entstand die Idee aus diesen Blöcken Skulpturen zu kreieren, um somit einen Unterwasserpark zu schaffen. Dank Spenden wurden die ersten Marmor-Blöcke aus dem nördlichsten Teil der Toskana in das süd-toskanische Talamone geschaffen. Die ersten Bildhauer begannen in den Unterkünften der Umgebung die Marmorblöcke zu bearbeiten und immer mehr namhafte Künstler, darunter auch die berühmte englische Bildhauerin Emily Young, eine tolle Frau, die als junges Mädel Syd Barrett von Pink Floyd 1967 zum Song „See Emily play“ inspirierte.

Die Künstler der Unterwasser-Marmorskulpturen

Die Künstler der Unterwasser-Marmorskulpturen

Aufgrund zahlreicher wichtiger Namen konnte Paolo auch langsam einige Politiker sowie die nötigen Behörden ein wenig auf seine Seite ziehen, denn derer Bedarf es auch für die Genehmigungen. Nach Paolos bereits seit Jahrzehnten andauernden Kampfes, der Entbehrungen, sein ganzes Leben der Rettung der Küste zu widmen, war es heute nun endlich soweit, heute war Paolos großer Tag! Die wichtigsten Marmor-Statuen sollten ins Meer heruntergelassen werden. Alle waren sie am Morgen zum alten Leuchtturm, dem Sitz des Segelclubs angereist, von Künstlern über Politiker, Journalisten, Paolos Unterstützer und Freunde bis hin zu den Vetretern von Greenpeace und des WWF. Zum Glück war das Wetter herrlich, keine speziellen Winde und Strömungen, welche das Herunterlassen der Statuen untersagt hätten. Die Statuen wurden direkt vor der Küste, vor der Bucht „Bagno delle Donne“ sowie in der Nähe des Leuchtturmes in etwa 6-8 m Tiefe ins Meer gelassen.

Paolo Fanciulli und Tessa Gelisio geben das OK zum Herunterlassen der Marmor-Statuen ins Meer

Paolo Fanciulli und Tessa Gelisio geben das OK zum Herunterlassen der Marmor-Statuen ins Meer

Wer sportlich ist, kann vom Strand losschwimmen und diese auch ohne Taucherausrüstung bestaunen. Momentan noch leuchten die Weißen Statuen bei ruhigem Wasser hervor, was sich im Laufe der Zeit aber bestimmt ändern wird, wenn sich die Flora und Fauna derer annimmt. Es ist somit hier, entlang der süd-toskanischen Küste, von Castiglione della Pescaia ausgehend, bis hinter Porto S. Stefano ein wahrer Unterwasserpark entstanden. Ich bin davon überzeugt, dass man in vielen Jahren von Paolo, dem kleinen kämpferischen Fischer erzählen wird, der dieses Werk durchgesetzt hat. Paolos Casa dei Pesci könnte auch ein Pilotprojekt für Italiens Küsten oder gar ein weltweites Pilotprojekt sein. Mit diesem Tag ist das Projekt noch nicht zu Ende, denn es warten noch weitere Blöcke in Carrara darauf nach Talamone gebracht zu werden. Dafür werden dringend Spenden gebraucht. Ich habe tiefste Bewunderung für Paolos Tun, allerdings frage ich mich, warum es der Zivilcourage und des persönlichen Kampfes eines kleinen Fischers bedurfte, um hier etwas zu ändern? Trotzdem „Grazie Paolo“. Die Welt oder nein, Italien, braucht Menschen wie Dich.

Fulco Pratesi, der Gründer von WWF Italien und Paolo Fanciulli (Paolo Il Pescatore)

Fulco Pratesi, der Gründer von WWF Italien und Paolo Fanciulli (Paolo Il Pescatore)

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Ich lebe seit fast 20 Jahren in der Toskana, die ich aufgrund meiner Arbeit wie meine Westentasche kenne. Entdecken Sie gemeinsam mit mir die Schönheiten, exzellente #Wein, köstliches #Essen & #Rezepte aus der #Toskana und #Italien, die wichtigsten #Events für Ihren #Urlaub in der #Toskana

3 Kommentare

  1. Daniela Braun 12. Mai 2015 um 11:29 Uhr

    Bitte fleißig teilen, denn Ihr tut so etwas für einen guten Zweck, von dem wir alle etwas haben!!!!!

  2. Barbara Wermuth 13. Mai 2015 um 07:29 Uhr

    Wollte so gerne kommen, bin leider z.Zt. krank. Kann man die Skulpturen auch noch nächste Woche anschauen oder sind sie ganz unter Wasser??

  3. Daniela Braun 13. Mai 2015 um 12:20 Uhr

    Das tut mir aber sehr leid. Diese sind jetzt ganz unter Wasser. Im Oktober kommen noch weitere dazu. Informiere mich, was und wo man eventuell ansehen kann! Gute Besserung!

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