Am 13. Juli sind es bereits 6 Monate seit dem Unglück des Schiffes Costa Concordia, welches die kleine Insel Giglio in der ganzen Welt bekannt machte. Nach dem Abpumpen des Kerosins wurde vor knapp 3 Wochen mit dem riesigen Bergungsprojekt begonnen. Vor Ort befinden sich die Firmen Titan Salvage und Micoperi, die den Auftrag der Bergung haben, die alleine Kosten von über 300 Millionen Euro verschlingt. Es handelt sich um ein absolutes, noch nie dagewesenes, Mammutprojekt. Man wird versuchen, das Schiff wieder in seine richtige Position zu bringen, um es dann an einen nahegelegenen Hafen zu schaffen, wo es dann auseinandergenommen werden soll.

Bergungsarbeiten der Costa Concordia vor Giglio

Bergungsarbeiten Costa Concordia Giglio

Um das Schiff wieder in eine stabile Position zu bringen, werden in den Meeresboden sowie die Felsen Pfähle gehauen, die das Schiff mit Eisenseilen verbinden sollen. Auf der anderen Seite des Schiffes werden in der Zwischenzeit 4 riesige Unterwasserplattformen aufgebaut – man bedenke, das Schiff hat eine Länge von 291 m! – und an der Schiffsseite werden riesige Kästen angebracht, die fast die gesamte Schiffsseite, dessen Höhe und Länge einnehmen. Dann wird das Schiff durch 24 stabile Eisenseile mit den Unterwasserplattformen verbunden, um es dann langsam in seine vertikale Lage zurückzubringen. Ist es dann erst einmal wieder in seiner Ursprungslage, dann werden auch auf der anderen Seite riesige Kästen angebracht, die beidseitig mit Wasser gefüllt  werden, damit das Schiff schwimmt, bis es schließlich in den Zielhafen abgeschleppt wird (siehe Video). Sollte dies alles nicht klappen, dh. sollte das Schiff auseinanderbrechen, es sinken etc. so muss das Schiff an Ort und Stelle zerlegt werden. Alleine die Concordia selbst hat in den vergangenen Monate Unmengen an Touristen auf dieses kleine, wunderschöne Eiland gebracht und nicht nur diese: Reporter aus der gesamten Welt verfolgen, insbesondere seit letzter Woche, der Ankunft der Plattform der Firma Micoperi die Bergungsarbeiten vor Ort.

Blick auf die vor Giglio liegende Costa Concordia

Blick auf die vor Giglio liegende Costa Concordia

Wie die Situation auf der Insel ist, wie die Menschen dort, vor Ort mit der Situation umgehen, was geschehen wird wenn, falls, etc., dem wollte auch der deutsche Auslandssender Deutsche Welle (Sendetermin der Reportage in Journal Reporter in deutscher sprache am 7. Juli ab 6.03, um 11.45 um im Live Stream) oder aber im Video) nachgehen, der vor Ort filmte, Menschen interviewte und wo ich eben als Dolmetscherin fungierte. 4 Tage Giglio, eigentlich traumhaft, aber wir waren ja nun einmal zum Arbeiten da. Somit: niente sole, mare e relax sondern lavorare sotto il sole cuocente!
Los ging es, von Follonica aus, entlang der herrlichen Küste, bei traumhaftem Wetter und ebenso traumhaften Temperaturen, in Richtung Porto Santo Stefano. Auf Giglio hatten wir bereits einige Interview-Termine, die wir in den darauffolgenden Tagen wahrnehmen mussten. Bereits am Abend erwartete uns ein Konzert des berühmten, italienischen Violinisten Uto Ughi, der im Ort Giglio Castello eine Wohnung hat (wer schon einmal dort war, konnte ihn bestimmt hören) und der mit diesem Konzert in der kleinen Kirche von Giglio Porto den Einwohnern für ihre große Hilfsbereitschaft in jener Nacht danken wollte. Vor Ort, so ziemlich alles was Rang und Namen hatte sowie natürlich auch die nationalen Fernsehsender RAI & Co.

Fahrt zur Costa Concordia

Fahrt zur Costa Concordia

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Boot der Tauchereinheit der Küstenwache auf das Meer, um diese bei den Arbeiten vor Ort, direkt an der Costa Concordia zu filmen und zu interviewen. Ich muss ehrlich zugeben, dass in mir, während des greifbar nahen Umfahrens, an der wir noch sehen konnten, was auf den Decks war – die Palmen, die Stühle alle übereinander geworfen da lagen, die Uhrzeit, als der Strom komplett ausfiel – doch unglaublich viele Emotionen hervorgerufen wurden. Das Schiff selbst, wenn man in den Hafen einfährt und wenn man es so sieht – man sieht es in Giglio Porto praktisch von überall, kann sich dem Anblick irgendwo so gar nicht entziehen – eher einen sehr unwirklichen Eindruck macht. Man hat das Gefühl man ist in einer Art Science Fiction Film, kann es sich so gar nicht vorstellen, dass vor diesem kleinen, verschlafenen Naturparadies eine derartige und – ich würde fast behaupten unsinnige – Tragödie stattgefunden hat.

Felsenstrand vor der Costa Concordia

Felsenstrand vor der Costa Concordia

Am Nachmittag warteten weitere Interviewpartner auf uns und nach unserem letzten Interview, wollten wir uns mit unserem Interviewpartner in der nächstgelegenen Bar erfrischen. Während ich mich setzte, fiel mein Blick auf zwei, mir bekannte Gesichter! Es handelte sich hier um zwei Überlebende des Schiffunglückes, für die ich am Telefon gedolmetscht hatte und deren Gesichter und Namen mir aus dem deutschen Fernsehen vertraut waren. Diese Beiden waren erst kurz zuvor mit der Fähre angereist, das erste Mal seit dem Unglück und auch nur für diesen einzigen Tag auf Giglio, um sich den Unglücksort anzusehen und irgendwie zu versuchen, das Erlebte auch auf diese Art und Weise zu verarbeiten. Ich muss wohl derart geschockt gewesen sein, dass mir wohl einfach über die Lippen kam „Die sind von der Concordia“ oder ähnliches, was natürlich auch am Nebentisch erhört wurde… Naja, da ich nun einmal „aufgeflogen“ war, habe ich mich kurz vorgestellt und wir haben uns natürlich unterhalten. Es gibt manchmal Zufälle, die gibt es nicht!

Paolo Fanciulli und sein Schiff La Sirena

La Sirena – Pescaturismo

Von Giglio ging es auch zu einem kurzen Dreh zurück aufs Festland, genauer gesagt nach Talamone, wo wir mit dem Fischer Paolo Fanciulli einen Termin hatten. Wir wollten von Paolo einiges zur Umwelt erfahren bzw. den Risiken, welche das Unglück der Concordia sowie deren Bergung mit sich gebracht haben bzw. bringen werden. Paolo ist normalerweise während der Wintermonate Fischer und bekämpft die illegale Schleppnetzfischerei. In seinem Kampf gegen die illegale Fischerei hat er auch schon Einiges „angestellt“ (werde darauf in einem weiteren Artikel zurückkommen). Er ist knapp über 50 und fährt seit seiner Kindheit mit seinem Vater auf das Meer, der auch Fischer war. Während der Wintermonate ist er Fischer, während man im Sommer als Tourist mit ihm am Fischfang teilnehmen kann, wobei der Gast natürlich auch großartige Bademöglichkeiten im Naturpark hat. Eigentlich war unser Programm ein halber Tag mit Paolo, ihn beim Fischen zu filmen, zu interviewen und dann zurück nach Giglio.

Paolo beim Fisch grillen

Paolo beim Fisch grillen

Aber es kam alles anders! Es war an diesem Morgen unerwartet heftiger Seegang und ich wurde leider Seekrank, sodass aus dem Dolmetschen erst einmal nichts werden konnte. Man brachte mir noch auf dem Boot Zitronenschale, an der ich riechen sollte, die mich wohl einigermaßen davor bewahrt hat, nicht komplett umzukippen. Paolo schickte mich, gemeinsam mit den anderen Touristen an Land, um wieder zu mir zu kommen, denn in Armen und Beinen war fast kein Gefühl mehr und in der Magengegend sah es wirklich schlecht aus! Irgendwie habe ich es noch in das Gummiboot geschafft, welches uns an den herrlichen Naturstrand bringen sollte, wo ich den Auftrag hatte zu laufen, um meinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Paolo sagte uns, dass man, um nicht Seekrank zu werden, vorher keinen Kaffee, Milch oder Süßes essen sollte (tja, mein Frühstück!) sondern nur Salziges! Zurück an Bord (der Seegang hatte sich zum Glück gelegt) war es nun fast schon Mittag, machten wir schliesslich das Interview und kamen im Anschluss in den Genuss von herrlich frischem und von Paolo gegrilltem Fisch, der, in Verbindung mit einem Gläschen Vermentino, auch meine Sinne wieder in Topform brachte.

Unser letzter Tag auf Giglio war von Testimonials geprägt, von Menschen die vor Ort leben sowie auch von Besuchern. Man kann jetzt nur hoffen, dass die Bergungsarbeiten tatsächlich gut klappen, dass das Wetter sich so hält, wie es das bisher getan hat. Man bedenke, das Unglück geschah im Winter und wir sind wirklich bisher von Stürmen, hier vor der Küste, verschont geblieben. Ein wenig wehmütig ging es schließlich wieder zurück aufs Festland, mit der Hoffnung, dass die Bergung des Schiffes tatsächlich gut geht und keine weiteren Auswirkungen mehr auf die Insel haben wird.

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